Weltworte

    Erntedank

    25. September 2017

    Die besten Partys sind die, bei denen jeder etwas mitbringt. Das Buffet ist vielfältig und üppig und die gute Stimmung entsteht irgendwo zwischen Kühlschrank und Arbeitsplatte, zwischen Pizzaschnecken und Tiramisu. Es gibt aber auch Partys, da bringen alle etwas mit und am Ende hat man nicht nur einen vollen Bauch, sondern auch ein volles Herz. Vielleicht sind das die allerbesten Partys. Bei solch einer war ich im letzten Herbst. Eingeladen von Freunden zu einer „Wein-Lese“.

    Während der September seine goldene und manchmal graue Decke über die Welt auszubreiten schien, rückten wir näher zusammen. Im Fenster brannten zum ersten Mal seit vielen Monaten wieder Kerzen und wiesen den Weg hinein ins Warme. Wir teilten miteinander Lieblingswein und Lieblingsgeschichten. Ein jeder Gast hatte etwas mitgebracht.  Wir schenkten einander ein und lasen einander vor.

    Anfangs lag eine Gespanntheit im Raum. Die Menschen, die sich an diesem Sonntagnachmittag im Wohnzimmer einer Berliner Altbauwohnung eingefunden hatten, kannten einander kaum und für die wenigsten war es alltäglich, anderen etwas vorzulesen. Doch der Wein in den Gläsern und der aufmerksame Gastgeber lösten langsam die Spannung. Hannes machte den Anfang. Und das ganz wörtlich: Er las den Schöpfungsbericht der Bibel vor. Genesis. In gerechter Sprache. Andächtig lauschten die Zuhörenden, die es sich auf Sofas und Sesseln gemütlich gemacht hatten. Gläser mit Rotwein in den Händen, manche mit geschlossenen Augen. An diesem doch eigentlich so gewöhnlichen Ort, an diesem gewöhnlichen Tag, schien von diesen alten Worten ein besonderer Zauber auszugehen. Sie wurden zum Auftakt eines Erntedankfestes, das zwar keiner so nannte und das doch eines war. Denn wir ernteten die Schätze des Sommers, teilten Bücher, an denen noch der Sand aus dem Strandurlaub klebte und deren knisternde Seiten nach Sonnencreme dufteten. Außerdem Geschichten aus längst vergangenen Kindertagen und Gedichte von Frauen und Männern, die ihren Sehnsüchten Ausdruck verliehen hatten in Worten. Wir sammelten Gedanken, füllten unsere Köpfe mit Ideen und fütterten unsere Herzen. Es waren nicht nur Wein und Fingerfood, die uns satt machten.

    An diesem Nachmittag fühlten wir uns gut aufgehoben in dieser Welt. Das Lesen und Hören von Wortschätzen, manche alt, manche jung, machte etwas mit uns. Es hielt uns aufrecht, erfüllte uns mit Dankbarkeit, ließ uns träumen und dann anders weitergehen. Diese Wein-Lese bescherte uns reiche Ernte und das Gefühl: Es ist alles da. Es ist gut für uns gesorgt. Und wir dürfen schöpfen und schenken an jedem neuen Tag. Was für ein Segen.

    Worte: Hanna Buiting | Bild: Charlotte Cadenbach | Dieser Beitrag ist zuerst in der Zeitschrift „Die Mitarbeiterin“ (kfd) erschienen.

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