Herzworte

    Lieblingslehrerin

    23. Februar 2018

    Obwohl meine Schulzeit schon eine ganze Weile zurück liegt, habe ich auch heute noch eine Lieblingslehrerin. Alle paar Wochen steht ihr Name in meinem Kalender. Sie gibt mir Nachhilfe in dem, was ich verlernt habe.

    In der Zeit, die ich mit ihr verbringe, bleibt meine Arbeit liegen, Mails unbeantwortet, das Telefon auf stumm geschaltet. Und doch macht mich die Zeit mit ihr reich, weil ich so viel von ihr lerne. Gewinn mache ich an diesem Tag nicht in Geld, sondern in Erfahrung, in Erinnerung. Wie ging das nochmal? Die Welt so zu betrachten, als sähe ich sie zum allerersten Mal? Wie ging das nochmal? Das Staunen, das Kringeliglachen über Dinge ohne Sinn, das „So-tun-als-ob“. Wie ging das nochmal?

    Meine Lieblingslehrerin ist drei Jahre alt. Ich kenne sie seit ihrer Geburt, sie ist mein Patenkind, meine Wahlverwandte.

    Ihr Zahlenverständnis beschränkt sich auf den Zahlenraum von eins bis zehn und ab dann ist alles tausend. Tausend Mal Schlafen. Tausend Zimtschnecken, bitte. Tausend Mal: „Nein!“. Buchstabieren kann sie noch nicht. Nicht mal ihren Namen schreiben. Lesen eigentlich auch nicht. Aber Geschichten kann sie erzählen. Die allerbesten. Von echten und erfundenen Freunden, die immer so viel mehr bekommen und können und dürfen, als sie selbst. In die Schule gehen, zum Beispiel, und jeden Tag eine gefüllte Schultüte kriegen. Und Fahrradfahren ohne Helm. Oder reiten gehen, auf einem ganz eigenen Pferd. Nichts ist unmöglich, wenn mein Patenkind erzählt. Lektion 1.

    Worin sie außerdem Weltmeisterin ist, das ist leben in einer ganz eigenen Zeitrechnung. Uhren spielen für sie keine Rolle. Leben ist immer jetzt. Zwar spricht auch sie von Geburtstaghaben, Wochenende oder „Wenn-das-Baby-da-ist“, aber wann genau das alles ist, das weiß sie noch nicht. Und deswegen lehrt sie mich ein Stück Unendlichkeit. Uhren spielen keine Rolle. Jetzt ist einfach jetzt. Lektion 2.

    Gestern hatte ich wieder Nachhilfe bei ihr. In Lektion 3, die wir diesmal behandelten, ging es darum, von etwas auszugehen und es so sehr anzunehmen, bis es stimmt. Wir backten Zimtschnecken und  meine Lehrerin rollte den Teig aus. „Ich kann das schon alleine. Ich bin nämlich super stark“, sagte sie mit vor Anstrengung rotem Kopf. Ich dachte an #metoo-Polemiken, an Patriarchate und Pippi Langstrumpf. Und dann stimmte ich ihr zu. „Ja, du bist super stark.“ Ich übte, mit ihr dran zu glauben. Sie in ihrem Starksein zu bestärken. Und vielleicht mich selbst auch ein kleines bisschen. Denn das lehrt sie mich vor allem: Die Erinnerung, dass ich das auch schon mal konnte: Von der eigenen Stärke einfach ausgehen und daran glauben, solange, bis sie nichts und niemand mehr schwächen kann. Und das lässt uns stark sein und bleiben. Uns beide.

    Worte und Bild: Hanna Buiting

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