Weltworte

Neujahr

1. Januar 2016

Wir stehen dicht gedrängt. An ein Brückengeländer gelehnt, das Gesicht benetzt von Regentropfen. Zwei Körper inmitten von Feuerwerk. Über uns der Himmel, rötlich-schwarz in Nebel gehüllt, der nach Schwarzpulver riecht. Die Uhren auf unseren Handys ticken im selben Takt. Lautlos. „Noch zwei Minuten“, sagst du und mein Herz klopft. Um uns herum wird es unruhiger. Ein paar Raketen schießen in den Himmel, malen Sterne in die Luft. Bunt und glitzernd, ein paar Sekunden bloß. Das Knallen unter den Brückenpfeilern lässt uns zusammenzucken. Zwei Minuten vor Mitternacht. Um uns herum bewegt sich alles.

Feuerzeuge werden an Zündschnüre gehalten. Sektflaschen an Lippen gelegt.  Instagram-Filter auf Wunderkerzen. Zwei Minuten zu früh. Sie können es nicht erwarten. Das neue Jahr, es soll schneller kommen. Mit neuen Chancen, zweiten oder dritten vielleicht. Mit Neuanfängen und Tapetenwechseln. Hauptsache neu.

Es war ein schnelles Jahr. 2015.  „Zurück in die Zukunft“ ist schon jetzt unsere Vergangenheit.

Es war ein bewegtes Jahr. 2015. Das Jahr, das das Wort „Flüchtlinge“ trägt. Und in einem Atemzug mit „Krise“ genannt wurde.

Es war ein erschütterndes Jahr. 2015. Das Jahr, in dem alle Charlie waren, die Angst auf einmal ganz nah kam und die Welt, wie wir sie kannten, aus den Angeln gehoben wurde.

Wenige Stunden vor Ende dieses Jahres lässt eine Eilmeldung mein Handy vibrieren. Terrorwarnung. In München. 600Kilometer von Berlin entfernt. Das ist gar nichts, wenn man Leute kennt, die dort leben.

In Kreuzberg fallen derweil Schüsse. Schreckschusspistolen. Ich muss an die Kinder, Frauen, Männer denken, die jetzt vielleicht gerade in einem Flüchtlingswohnheim auf das neue Jahr warten. Die zusammenfahren vor Schreck. Weil dieses Knallen Erinnerungen wachruft, die man doch vergessen wollte.

Du nimmst meine Hand. Wir schauen auf die Spree, deren Wasser man in der roten Dunkelheit nur erahnen kann. In diesem Moment entschließe ich mich gegen die Angst. Verschließe mich. Entscheide: Ich will ihr keine Chance geben. 2016 soll angstfrei werden. „Nicht alles liegt in unserer Hand“, sagst du. Nur meine in deiner. Ich weiß, dass du Recht hast und fürchte mich trotzdem nicht.

Mitternacht. Um uns herum bricht Jubel los. Feuersterne regnen vom Himmel. Wir küssen uns und als ich die Augen wieder öffne, bin ich umgeben von Menschen, die sich umarmen, berühren, sich ein neues Jahr wünschen. Ein frohes neues Jahr. Ein gutes. Ich küsse dich noch einmal. Bin überwältigt von so viel Liebe um mich herum, muss Tränen wegblinzeln. Vor Freude. Auf dieses neue Jahr. Was immer es für uns bereithalten mag.

 

Worte: Hanna Buiting  |Bild: Charlotte Viefhaus – www.charlottes-augenblicksammlung.blogspot.de

2 Kommentare

  • Antworten Eric 18. Oktober 2016 um 16:25

    Und … hast du’s bisher geschafft angstfrei zu bleiben?
    Von guten Vorsätzen verabschiedet man sich ja gerne mal …

    • Antworten Hanna Buiting 18. Oktober 2016 um 16:39

      Mal mehr, mal weniger. Aber das nennt man wohl „Leben“.

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