Weltworte

Veränderung

10. September 2015

Mein Opa sagte neulich zu mir: „Weißt du, was das Problem ist, Hanna? Die Leute haben Angst vor Veränderung.“ Mein Opa wird 87. Für mich ist er ein weiser Mann. Er darf das sagen. Weil er das schon kennt. Weil in 87 Lebensjahren einiges an Veränderung geschehen ist. Gutes und weniger Gutes. Manches Schlechte auch.

Jeden Abend sitzt er mit meiner Oma in den bequemen Ledersesseln in der schicken Wohnung, die wohl ihre letzte sein wird. In der vierten Etage, mit Blick auf den Markt. Sie schauen die Tagesschau. Sie sehen Flüchtlinge. Sie sehen Frau Merkel. Sie sehen Heidenau. „Alles schon mal da gewesen“, sagen sie. Außer Frau Merkel vielleicht. Die war früher wohl eher ein Mann.

„Früher mussten wir einfach jemanden aufnehmen. Das wurde so angeordnet“, erzählt meine Oma. Sie weiß das noch. Und auch, dass sie sich ein bisschen gefürchtet hat. Damals, als es im Dunkeln an ihre Tür klopfte und ein dunkler Mann um einen Teller Suppe und einen Schlafplatz in der Scheune bat. Damals sagte man noch „Neger“ zu ihm. Hereingelassen hat man ihn trotzdem. Und viele andere auch.

„Die Leute, die sich da so wehren, die haben einfach Angst. Alles geht ihnen zu schnell. Sie fürchten das Neue“, sagt mein Opa. „Sie trauen dem Unbekannten nicht.“

Und er sagt: „Vielleicht seid ihr anders. Ihr fürchtet keine Veränderung. Ihr sucht sie.“ Er meint mich damit. Mich und meine Generation, die umher reist. Mit Rucksack und Spiegelreflexkamera und die einen Blog darüber führt.
Meine Generation, die am liebsten Falafel Halloumi isst, zusammen mit Ali, einem Enkel der ersten Gastarbeitergeneration, im Dönerladen um die Ecke.
Er meint meine Generation, die nach Bangladesch fliegt, um zu sehen, wo das H&M-T-Shirt eigentlich genau hergestellt wird. Und unter welchen Bedingungen.
Die an Orte geht, wo es weh tut. Bahnhöfe, Flüchtlingserstaufnahmestellen, Asylbewerberheime.
Meine Generation, die auf Facebook Videos mit prominenten Fremdenhass-Gegnern liked. Auch wenn sie Til-Schweiger-Filme eigentlich nicht mag.
Er meint meine Generation, der längst nicht alles so egal ist, wie es manchmal scheint.

Und plötzlich bin ich froh, zu dieser Generation mit dem Y zu gehören.
Zu der Generation, die „Why?“ fragt und nach dem „Because“ sucht.
Und dann nach der Veränderung


Worte: Hanna Buiting | Bild: Andreas Buiting

2 Kommentare

  • Antworten Manfred Reuter 29. Oktober 2015 um 18:19

    Liebe Hanna,

    dein Opa ist ein kluger Mann!

    Liebe Grüße

    Mani

    • Antworten Hanna 1. Dezember 2015 um 12:14

      Lieber Mani,

      oh ja, das ist er wahrhaftig!
      Und ich bin jeden Tag dankbar, meine Großeltern zu haben.
      Viele Grüße in den Norden!
      Hanna

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