Herzworte

Vom Glück, Patentante sein zu dürfen

3. Januar 2016

Als sie mich fragen, kommen mir die Tränen. „Wirklich?“, stammle ich und die beiden nicken und lächeln. Es ist Dienstagabend. Wir haben zu viert Abendbrot gegessen. Mit duftendem Brot, Camembert, Räucherschinken und Gewürzgurken. Jetzt sitzen wir mit unseren Weingläsern in der Sofaecke. Ab und an knackt das Babyfon. Ansonsten ist es ganz still.

Eben haben mich unsere Freunde gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, die Patentante ihrer kleinen Tochter Malou, ihrem ersten Kind, zu werden. Mit vielem habe ich gerechnet, damit nicht. Wir sind uns nah, wohnen nur acht Fahrradminuten entfernt voneinander. In einer Stadt wie Berlin sind wir also quasi Nachbarn. Doch unsere Freundschaft ist erst wenige Jahre alt. Ihre Frage bedeutet mir viel. Wir rücken damit dichter zusammen. Freunde-sein fühlt sich auf einmal mehr nach Familie-sein an. Nach Wahlverwandtschaft.

Ihre Frage macht mich stolz. Ich darf Verantwortung für einen kleinen Menschen übernehmen, ihn auf seinem Weg begleiten, dabei bin ich gerade mal Anfang 20. Für mich ist dies ein Zustand zwischen „Schon jetzt“ und „Noch nicht“. Theologen nennen das „eschatologischen Vorbehalt“, und meinen damit das Reich Gottes. Ich nenne das „Patentantesein“ und meine damit: schon jetzt Verantwortung für ein Kind übernehmen, aber noch nicht als seine Mutter. Denn in meiner momentanen Lebenssituation ist ein eigenes Kind nicht angedacht. Ich stecke mitten im Studium, werde immer noch erwachsen, probiere mich aus, genieße Freiheiten.

Doch die beiden scheinen sich mit ihrer Wahl sicher zu sein. Vielleicht gerade weil ich erst Anfang 20 bin, mitten im Studium stecke, immer noch erwachsen werde, mich ausprobiere und Freiheiten genieße. Ich muss nicht auf alles Antworten wissen, darf Wegbegleiterin sein, während ich meinen eigenen Weg noch suche. Ich wachse gemeinsam mit Malou.

Weinen vor Freude

Als ich mein Patenkind in spe am nächsten Tag treffe, betrachte ich sie mit anderen Augen. Es fühlt sich an, als sei über Nacht ein Mensch in meinem Leben dazugekommen, der bleibt. Ich glaub, ich bin fast ein bisschen verliebt. Ihre Mama reicht sie mir mit den Worten: „Willst du mal zu deiner Patentante auf den Arm, Malou?“ Ich könnte schon wieder weinen.

Wir schauen uns gemeinsam vorbeifahrende Autos und Fahrräder an, entdecken dabei eins mit Tigerentenstreifen und ich nehme mir fest vor, ihr die Geschichten von Janosch vorzulesen, wenn sie ein bisschen älter ist. Gerade blickt sie mich aber erst mal nur aus ihren großen blauen Augen unverwandt an, fünf Monate alt, noch nicht begreifend, dass sie mein Patenkind sein wird. Aber das muss sie auch noch gar nicht. Ich werde es ihr schon noch früh genug erzählen.

Am Abend rufe ich meine eigene Patentante an: Ingrid, die Schwester meiner Mutter, die mich seit meiner Geburt begleitet. Obwohl sie auch meine „normale“ Tante ist, verbindet uns eine besondere Beziehung. Sie ist zwar auch ziemlich nett zu meinen beiden jüngeren Schwestern, aber nur mit mir sah sie alle Harry-Potter-Filme im Kino an, schenkte mir Schmuck und ihre alten Pippi-Langstrumpf-Bücher, schrieb mir Postkarten mit Pferden drauf und hielt meine Taufkerze. Am Telefon freut sie sich mit mir und erzählt mir zum ersten Mal in meinem Leben, dass auch sie vor Freude geweint hat, damals, als meine Mama sie wenige Tage nach meiner Geburt noch im Krankenhaus fragte, ob sie meine Patin werden wolle. „Ich hab deine kleinen Füßchen gestreichelt und konnte dieses Glück kaum begreifen“, erinnert sie sich. Sie selbst ist nie Mutter geworden, aber vielleicht bin ich ein bisschen so etwas wie ihre Ersatztochter.

Worte zum Segen

„Könntest du dir auch vorstellen, einen Segnungsvers für dein Patenkind auszusuchen?“, fragen Malous Eltern mich. Sie wollen ihrer Tochter selbst überlassen, sich ganz bewusst für oder gegen ein Leben mit Gott und als Christin zu entscheiden. Getauft wird sie daher jetzt noch nicht. Trotzdem ist es ihnen wichtig, sie unter Gottes Schutz zu stellen und sie feierlich zu einem Teil unserer Gemeinde werden zu lassen. Eine Woche vor ihrem ersten Geburtstag wird sie deswegen gesegnet. Mit einer Kerze, einem Sommerkleidchen, einem Vers aus der Bibel, vielen Gästen und natürlich mit Patentanten.

Zuhause blättere ich in diesem jahrtausendealten Buch, das Menschen zu allen Zeiten geholfen und getragen hat, vor Fragen gestellt und Antworten gegeben hat. Ich lese in den Geschichten von David, Rut und Noah. Koste Worte, werde mir ihrer Bedeutung gewahr, schreibe mir Verse in mein Tagebuch ab und überlege, was ich Malou mitgeben möchte. Welche Worte sollen sie begleiten? Was wird sie auf ihrem Weg brauchen? Ich muss an Astrid Lindgren denken, Heldin meiner Kindheit, die mir bis heute eine geblieben ist. Sie schenkte mir Geschichten, kostbare Worte und Kindheitserinnerungen. Als ich einmal Windpocken hatte, las meine Patentante Ingrid mir aus „Pippi Langstrumpf“ vor, damit ich den Juckreiz wenigstens für ein paar Stunden vergessen konnte.

Astrid Lindgrens Worte „Lass dich nicht unterkriegen, sei frech und wild und wunderbar!“ sind für mich nicht nur ein Postkartenspruch, sondern Mutmacher und Lebensmotto. Und plötzlich weiß ich, dass ich genau das auch Malou sagen möchte: Dass sie sich als Mädchen, als Frau, als Mitglied der Familie Mensch nicht unterkriegen lassen soll, auch mal frech sein und sich was trauen darf, wild durch ihr Leben tanzend und dabei nicht vergessend, dass es Wunder gibt und sie selbst wunder-bar sein kann. Für mich ist sie das schon jetzt.

Bei Josua finde ich schließlich ein passendes Äquivalent zu dieser Astrid-Lindgren-Lebensweisheit. Dort heißt es in Vers 1,9: „Ich sage dir noch einmal: Sei tapfer und entschlossen! Lass dich durch nichts erschrecken und verliere nie den Mut; denn ich, der Herr, dein Gott, bin bei dir, wohin du auch gehst!“

Noch weiß ich nicht, wie sich unsere Beziehung entwickeln wird. Malou ist noch zu klein, um mich bewusst als Teil ihres Lebens wahrzunehmen. Doch was ich schon jetzt weiß: Ich will für sie da sein. Als Ratgeberin, als Mutmacherin, vielleicht als Vorbild, vielleicht als Freundin. Ich muss nicht streng mit ihr sein, sie nicht erziehen, nicht für ihr Taschengeld sorgen. Es ist viel eher ein dürfen. Ich darf eine Rolle in ihrem Leben spielen, sie in meine Gebete einschließen, sie beschenken und verwöhnen, ihr Pippi Langstrumpf vorlesen oder Janosch, ihr Postkarten schicken (mit Pferden oder auch anderen Tieren drauf, je nachdem, was sie so mag). Ich darf sie vielleicht mal mit auf eine Reise nehmen, sie zum Eis einladen oder ins Kino und dabei die coole Patentante sein –schließlich bin ich 10 Jahre jünger als ihre Eltern (Sorry, ihr Zwei!). Ich darf ihr meine Sicht auf das Leben erklären, ihr zuhören und versuchen, ihr Antworten zu geben, was es eigentlich mit diesem Jesus auf sich hat. Ich darf ihr meine Bücher widmen und ihr vielleicht als eine der Ersten irgendwann erzählen, dass ich jetzt selbst eine Tochter bekomme, sie aber immer mein liebstes Patenkind bleiben wird und sie dann fragen, ob sie vielleicht mal Babysitterin sein will.

Ich darf sie liebhaben. Schon jetzt.
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Worte: Hanna Buiting  | zuerst veröffentlicht in der Novemberausgabe des Magazins JOYCE (SCM Bundes-Verlag)

1 Kommentar

  • Antworten Lisa Erlebach 5. Januar 2017 um 0:16

    toller Blog! Ich bin gerade 18 geworden und meine Cousine und ihr Mann haben mich heute gefragt ob ihr die patentante meines zukünftigen großcousins werden möchte…Ich hab angefangen zu weinen. So viel Vertrauen in mich, dass sie mir diese große Verantwortung übertragen wollen…Ich fühle mich genau wie du obwohl der kleine noch gar nicht geboren ist.??

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