Menschworte

Wie es eben kommt

2. Juni 2017

Mein Opa wird in diesem Jahr 90. Und er macht kein Dinner for One, sondern lädt uns alle ein. Es wird ein Fest. Wir feiern. Dabei war längst nicht alles gut in Opas Leben, vieles eher ganz schön schrecklich. Er hat einen Weltkrieg erlebt. Seine Mutter starb, da war er gerade zwei Jahre alt. Und auch sein kleiner Bruder und viele seiner Freunde gingen viel, viel zu früh. Und doch oder vielleicht gerade deswegen: Opa will feiern. Das Älterwerden, das Großvatersein, das Leben, dieses lange, verrückte Leben.

Mein Opa ist mir in vielem ein Vorbild. Vor allem darin, die Tage anzunehmen, wie sie eben kommen.  Er tut das mit einer Weitsicht und einer Weisheit, die mich immer wieder staunen lässt. Wenn mein Opa auf seine vergangenen 90 Jahre zurückblickt, spricht er häufig von den Wellenbewegungen des Lebens, den Gezeiten. Auf Ebbe folgt Flut und umgekehrt. In einem ewigen Rhythmus, der nicht allein von Menschen bestimmt scheint. Alles hat seine Zeit. Geborenwerden und Sterben, Weinen und Lachen, Klagen und Tanzen. In jedem Leben ist das so.

Es gibt Tage, da tröstet mich dieser Gedanke sehr: Dass das Leben vielleicht nur so geht: im Wechsel der Gezeiten. Im Wechsel von Ebbe und Flut. Es tröstet mich, dass alles seine Zeit hat und dass in jedem Schmerz auch ein kleiner Funken Zuversicht stecken kann, dass alles wieder anders wird. Im besten Falle besser.

Manchmal braucht es diesen Wechsel zwischen Freude und Leid vielleicht sogar. Um die hellen Zeiten mehr wertzuschätzen und die dunklen weniger zu fürchten. Das gilt im Großen und im Kleinen. Auch als Kind begriff ich schon, dass es Ferien nur dann geben kann, wenn es auch die Schulzeit gibt und dass man sich verabschieden muss, um sich wiedersehen zu können.

Alles hat seine Zeit, und nicht alles liegt in unserer Hand, das sagt auch mein Opa. Aber manchmal können wir schon heute für ein schöneres Morgen sorgen. So las ich neulich im ZEIT-Magazin das Zitat: „Kuchen backen ist  das Entspannteste, was man überhaupt tun kann. Alles schrecklich, aber Butter, Eier, Mehl und Zucker vereinen sich immer noch zu einem himmlischen Ganzen, als wäre nix gewesen.“

Und deswegen werde ich heute Kuchen backen, werde Zutaten miteinander vermischen und zusehen, wie etwas Gutes entsteht. Trotz-Kuchen, Geburtstagskuchen, Lebenskuchen.

Ich will das Leben feiern. Heute, morgen, alle Tage. Wie es eben kommt.

 

Worte: Hanna Buiting | Bild: Charlotte Viefhaus | Diese Kolumne ist zuerst in der aktuellen Ausgabe des Magazins „Die Mitarbeiterin“ der kfd erschienen.

1 Kommentar

  • Antworten The 13. Juni 2017 um 17:34

    Liebe Hanna,
    jetzt hab ich große Lust auf Kuchen 🙂 – danke für deine guten Gedanken und die schönen Bilder von Ebbe und Flut und feinem Kuchen! Ich hoffe die 90er- Party war ein rauschendes Fest! Liebe Grüße, Theresia

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